Wissenswertes über Schellackplatten – warum 78er nicht gleich 78er sind

Wissenswertes über Schellackplatten – warum 78er nicht gleich 78er sind

 

Schellackplatten, oft einfach „78er“ genannt, sind weit mehr als nur alte Schallplatten. Sie waren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das wichtigste Massenmedium für Musikaufnahmen. Dabei ist aber wichtig zu wissen: Schellackplatte ist nicht gleich Schellackplatte. Es gibt große Unterschiede zwischen frühen Grammophonplatten, späteren elektrisch aufgenommenen 78ern und den letzten Ausgaben aus der Übergangszeit, als 78 U/min, 45 U/min und LPs bereits nebeneinander existierten.

Die ganz frühen 78er stammen aus der akustischen Ära. Vor 1925 wurde der Ton rein mechanisch aufgezeichnet: Der Sänger oder Musiker sang beziehungsweise spielte in einen Trichter, und die Schwingungen wurden direkt in die Aufnahmemaschine übertragen. Diese frühen Platten waren also für die Welt des klassischen Grammophons gemacht. Ab 1925 begann dann die elektrische Aufnahmetechnik mit Mikrofon, Verstärker und Schneidkopf. Dadurch wurde der Frequenzumfang größer, der Klang voller und die Aufnahme insgesamt deutlich moderner. Genau deshalb klingen spätere Schellackplatten oft überraschend gut, wenn man sie richtig abspielt.

Hinzu kommt: Nicht jede 78er ist tatsächlich eine „klassische“ Schellackplatte im engeren Sinn. Yale beschreibt, dass 78er von etwa 1898 bis in die späten 1950er Jahre hergestellt wurden und dass Schellack zwar das häufigste Material war, aber eben nicht das einzige. Während und nach dem Zweiten Weltkrieg wurden einige 78er auch in Vinyl gepresst. Das ist für Sammler und Käufer sehr wichtig, denn Material und Rillengeometrie beeinflussen, welche Nadel verwendet werden sollte.

 

Viele Sammler machen die Erfahrung, dass späte 78er klanglich manchmal besser wirken als frühe Singles mit derselben Musik. Pauschal lässt sich das zwar nicht für jede Pressung sagen, aber es gibt gute Gründe dafür: Späte 78er profitierten bereits von der elektrischen Aufnahmetechnik, und in der Übergangszeit nach 1948 liefen das alte 78er-Format sowie die neue 45er-Single und die LP tatsächlich eine Zeit lang parallel. Ob am Ende die Schellackplatte oder die spätere Single besser klingt, hängt aber immer vom konkreten Master, vom Pressmaterial, vom Erhaltungszustand und vor allem vom richtigen Abtastsystem ab.

Ein besonders wichtiger Punkt für Käufer ist das richtige Abspielen. Ein originales akustisches Grammophon arbeitet mit einer sehr hohen Auflagekraft. Audio-Technica nennt für akustische Grammophone mit Originalnadel eine Auflagekraft von über 50 Gramm. Moderne 78-taugliche Tonabnehmer liegen dagegen ungefähr bei 5 Gramm; beim aktuellen Audio-Technica AT-VM95SP sind offiziell 4,5 bis 5,5 Gramm vorgesehen. Genau deshalb sollte man nicht jede historische Platte bedenkenlos auf einem Grammophon laufen lassen. Gerade gut erhaltene, seltene oder spätere 78er können unter der hohen mechanischen Belastung unnötig leiden. Für solche Platten ist ein elektrischer Plattenspieler mit passender 78-U/min-Funktion meist die schonendere Wahl.

Ebenso wichtig ist die richtige Nadel. Für klassische Schellackplatten empfiehlt Audio-Technica eine 3-mil-SP-Nadel. Für 78er aus Vinyl dagegen ist laut Audio-Technica eine deutlich feinere 0,6-mil-Nadel vorgesehen. Das zeigt sehr deutlich: Man sollte 78er nicht einfach nach dem Motto „läuft mit jeder Nadel bei 78 U/min“ behandeln. Die Geschwindigkeit allein reicht nicht aus. Erst die passende Nadel sorgt dafür, dass die Rille korrekt abgetastet wird und die Platte geschont bleibt.

Wer heute Schellackplatten hören möchte, fährt deshalb am besten mit einem dafür geeigneten Plattenspieler, einer speziellen 78er-Nadel und einem sauber justierten Tonarm. Hersteller wie Audio-Technica bieten dafür bis heute passende SP-Tonabnehmer und Ersatznadeln an. Für viele Sammler ist das der beste Weg, historische Aufnahmen originalgetreu zu genießen, ohne das Material unnötig zu belasten.

Auch bei der Reinigung ist Vorsicht angebracht. Die Library of Congress rät grundsätzlich dazu, Schallplatten zunächst trocken zu reinigen und Alkohol nicht zum Säubern von Scheiben zu verwenden. Ergänzend empfiehlt CLIR für Tonträger allgemein destilliertes Wasser beziehungsweise geeignete, rückstandsarme Reinigungslösungen. Bei Schellackplatten ist also Zurückhaltung sinnvoll: lieber vorsichtig und materialgerecht reinigen als mit ungeeigneten Mitteln experimentieren.

Kurz gesagt:
Schellackplatten sind ein faszinierendes Sammelgebiet, aber sie verlangen etwas Wissen und Sorgfalt. Frühe akustische Grammophonplatten, spätere elektrisch aufgenommene 78er und die letzten Pressungen der Übergangszeit unterscheiden sich teils erheblich. Nicht jede 78er gehört auf ein Grammophon, und nicht jede 78er braucht dieselbe Nadel. Wer diese Unterschiede kennt, hat länger Freude an den Platten und schützt gleichzeitig ein Stück Musikgeschichte.

 

 

Außerhalb Europas lief das 78er-Format in einigen Ländern deutlich länger weiter als viele heute denken. Für Beatles-78er sind in Sammler-Diskografien neben Indien auch die Philippinen, Argentinien und Kolumbien dokumentiert. Besonders wichtig ist dabei Indien: Dort sind Beatles-78er nicht nur für 1965, sondern in Sammlerlisten sogar noch für 1967 und 1968 nachweisbar, etwa mit Hello Goodbye / I Am The Walrus (1967) oder Hey Jude / Revolution (September 1968).

 

Der Grund dafür war oft ganz praktisch. In Märkten wie Indien gab es noch lange eine Nachfrage nach 78ern, weil viele Menschen weiterhin Handaufzugs-Grammophone oder ältere Geräte nutzten, die keinen Strom brauchten. Deshalb verschwanden die neuen Formate dort nicht schlagartig, sondern liefen eine Zeit lang neben den moderneren Singles und LPs weiter. Genau diese Übergangszeit ist für Sammler heute besonders spannend.

Für Sammler sind solche späten Auslands-Pressungen heute oft hochinteressant, weil sie meist in vergleichsweise kleinen Stückzahlen hergestellt wurden und nicht für alle Märkte bestimmt waren. Gerade indische Beatles-78er gehören deshalb zu den gesuchten Raritäten. Auf 45cat werden für einzelne indische Beatles-78er Preisführer in teils vierstelliger Höhe angezeigt, etwa für Help! / I’m Down (1965) oder We Can Work It Out / Day Tripper (1965). Auch archivierte Auktionen bei Popsike zeigen, dass seltene indische Beatles-78er teils für mehrere tausend Pfund gehandelt wurden. Solche Werte sind natürlich keine festen Marktpreise, zeigen aber sehr deutlich, wie begehrt diese Ausgaben heute sein können.

Nicht jede späte „Schellackplatte“ ist im Material wirklich klassische Schellackmasse. Yale weist ausdrücklich darauf hin, dass 78er zwar meist mit Schellack verbunden werden, aber nicht immer daraus bestanden; besonders in späteren Jahren kamen auch andere Materialien, darunter Vinyl, vor. Gerade bei späten Auslands-78ern sollte man deshalb nicht nur auf die Geschwindigkeit schauen, sondern immer auch auf Material, Nadel und geeignetes Abspielsystem.

 

Späte Auslands-Pressungen und echte Raritäten
Viele Sammler gehen davon aus, dass Schellackplatten Mitte der 1950er Jahre überall verschwunden waren. Tatsächlich wurde das 78er-Format in einigen Ländern außerhalb Europas noch deutlich länger weitergeführt. Besonders in Indien erschienen noch bis in die zweite Hälfte der 1960er Jahre hinein späte 78er-Pressungen. In dieser Übergangszeit liefen 78er, Singles und LPs zum Teil parallel. Gerade deshalb gibt es heute einige außergewöhnlich seltene Ausgaben international bekannter Künstler – darunter auch Beatles-Pressungen aus Indien, die unter Sammlern zu den gesuchten Raritäten zählen. Solche Platten sind nicht nur musikalisch interessant, sondern auch kulturhistorische Zeitzeugen einer Epoche, in der alte und neue Abspieltechnik nebeneinander existierten. Zudem sollte man beachten, dass späte 78er nicht immer aus klassischer Schellackmasse bestehen müssen; auch das Material kann je nach Pressung variieren.